Gelebte Menschlichkeit

Gastkommentar von Uni.Prof. Dr. Clemens Sedmak im Magazin Lebensart (www.lebensart.at)

Soziales Engagement aus der Mitte

„Wenn unser Herz für etwas brennt, haben wir auch die Kraft, Lasten zu tragen und Hindernisse zu überwinden“

Engagement findet seinen Anfang aus der Mitte – aus dem Zentrum unserer Persönlichkeit. Der amerikanische Aktivist Greg Mortenson begann sich für pakistanische Schulprojekte zu engagieren, als er sich nach einer missglückten K2-Expedition halbtot in einem Dorf fand und dort gesund gepflegt wurde; gleichzeitig sah er auf dem Dorfplatz die Kinder zu einer Schulstunde versammelt, indem sie in Ermangelung von Schreibmaterial ihre Übungen auf den Boden kratzten – ohne Schulgebäude und ohne Lehrer, der nur drei Tage in der Woche in dieses Dorf kommen konnte. Aus dieser persönlichen Betroffenheit, die ihn ins Mark traf, formte sich Greg Mortensons Entschluss, etwas zu tun. Zurück in den USA war er bereits fast entmutigt, weil sich so viele Hindernisse in den Weg stellten; er fand die Kraft und den Mut zum Engagement ganz einfach dadurch wieder, dass Schulkinder nach einem Vortrag Mortensons begannen, Geld zu sammeln – in Form von Centmünzen. Auch das berührte ihn zutiefst und er begann eine Reise des Engagements, von der es kein Zurück gab.

So gesehen beginnt Engagement stets aus der Mitte – es hat mit zwei Dingen zu tun: Mit einem brennenden Herzen, mit einem Herzen, das für etwas brennt. Das Bild des brennenden Herzens finden wir im Lukasevangelium in der Emmausgeschichte; zwei Jünger, die verzweifelt und orientierungslos sind, werden von einem Wegbegleiter, der ein langes Stück mit ihnen geht, ermutigt und gestärkt – und mit Sehnsucht erfüllt. Ein brennendes Herz kann man nicht konstruieren, aber wenn unser Herz für etwas brennt, haben wir auch die Kraft, Lasten zu tragen und Hindernisse zu überwinden. Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt hat einmal darauf hingewiesen, wie wichtig es doch sei, etwas im Leben zu haben, das man „mit ganzem Herzen“ („wholeheartedly“) anstreben könne. Daraus wird Engagement gespeist. Das Zweite, was wir für Engagement brauchen, könnte man „Wunde des Wissens“ nennen – ein schmerzvolles Wissen um Mangel und Not, dem nur Zupacken abhelfen kann.  Das Wissen um Leiden ist schmerzhaft, aber auch ein Antrieb für das Handeln.

Gelebte Menschlichkeit hat mit „brennendem Herzen“ und einer „Wunde des Wissens“ zu tun. „Menschlichkeit“ bedeutet – das Besondere sehen zu können und nicht nur im Allgemeinen stehen zu bleiben;  „Menschlichkeit“ heißt: den Blick auf das menschliche Maß (jedes Leben zählt!) nicht zu verlieren. Im Lungau haben österreichische Privatstiftungen ein Festival gelebter Menschlichkeit ermöglicht – unter dem Namen „Tu was, dann tut sich was“ werden viele kleine Projekte gefördert, die das Zusammenleben besser machen sollen; Freizeitgestaltungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, ein Kurs im kostengünstigen und guten Kochen, eine Begegnung von Kindern und Senioren in einem Kindergarten, ein Kunstprojekt mit Jugendlichen, ein Fest für den Lungauer Tauernroggen…. Menschlichkeit fängt irgendwo an – und zieht dann seine Kreise. Menschen brauchen Anerkennung, einen Sinn für Fruchtbarkeit und Vorbilder für soziales Engagement. Wenn irgendjemand anfängt ….

Anders gesagt: Wenn du etwas verändern willst: Fang irgendwo an und mach etwas, das dir wirklich wirklich wichtig ist. Der nächste Schritt kommt bestimmt ! Tu was, dann tut sich was.

Univ.-Prof. DDDr. Clemens Sedmak ist Professor für Sozialethik am King’s College London, Gastprofessor an der Universität Salzburg (Franz Martin Schmölz OP Lehrstuhl). Er leitet das Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, ist Präsident der Salzburg Ethik Initiative und des ifz, dem Internationalen Forschungszentrum für soziale und ethische Fragen.

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